Idlib / Nordwestsyrien | Winter. Kälte. Regen.

Alle Jahre wieder kommt die Regenzeit. Dann schwellen unscheinbare Gräben an zu reißenden Fluten und nehmen alles mit was sich ihnen in den Weg stellt. Das hört sich nur scheinbar übertrieben an, denn es war traurige Realität in den letzten Jahren. und wird auch dieses Jahr wieder so sein, denn die Böden sind nicht gemacht um viel Wasser aufzunehmen, gleichzeitig gibt es kaum freie Flächen – die Zelte stehen einfach überall!

Bereits jetzt sind über 20 Lager betroffen, mehrere hundert Familien mussten schon ihr Zelt verlassen oder haben es sogar ganz verloren. Doch das ist erst der Anfang, die eigentlichen Regenfälle werden noch erwartet.

Auch ist das Verlangen nach Wärme, und sei es nur, um die Kleider zu trocknen, nicht immer im Klammen sitzen zu müssen, ein stetiger Begleiter der unzähligen Binnenflüchtlinge in den Lagern. Und Kleidung, warme Decken, Heizmaterial, Öfen, Hygieneartikel. Es mangelt ihnen an allem, wirklich allem!

Um sich irgendwie zu wärmen verbrennen die Menschen mangels richtigem Brennmaterial wie Öl, Berien oder Holz in ihrer Not völlig kaputte Schuhe oder andere Abfälle. Und sitzen im Zelt inmitten des giftigen Qualms. Einigermaßen warm. Dafür aber mit Atembeschwerden und erheblichen Langzeitfolgen, vor allem bei den Heranwachsenden.

Wie in den Jahren zuvor wollen wir auch dieses Mal helfen. Wollen Öfen und Berien (regional typisches und gut verfügbares Brennmittel: die Reste der zu Olivenöl verarbeiteten Oliven werden zu einer Art Brikett geformt und getrocknet), warme Decken und andere Dinge beschaffen und an Bedürftige verteilen.

Soviel wir nur können!

Verteilung warmer Mahlzeiten in den Flüchtlingslagern Nordwestsyriens / Region Idlib (seit 2017)

Neun von Zehn Syrerinnen und Syrer leben unterhalb der Armutsgrenze. Unterhalb der syrischen Armutsgrenze. Und deutlich über 12 Millionen Menschen (12.4 Millionen laut einer OCHA-Mitteilung von Ende Februar 2021) innerhalb Syriens leiden an Hunger, Mangelernährung und sind auf „Nahrungsmittelhilfe“ angewiesen. Unvorstellbare Zahlen, schon beim Lesen. Das tägliche Leben inmitten dieser Not ist noch unvorstellbarer. Und doch erleben wir es ständig.

Besonders hart trifft es die Region Nordwestsyrien, in der etwa 4 Millionen Menschen leben; 2.7 Millionen von ihnen sind sogenannte Binnenflüchtlinge. Oftmals mehrfach Vertriebene, die in einfachsten Behausungen ihr Dasein fristen – etwa 1.5 Millionen sogar in trostlosen Zelten, unter Planen, meist auf offenem Boden. Den Jahreszeiten ausgesetzt, in ihrer Armut gefangen, ständig auf der Suche nach Essbarem, Kleidung, Wasser und so vielem mehr.

Genau dort ist auch ein Teil unseres Teams gelandet, im Herbst 2016. Ebenfalls binnenvertrieben wussten sie woran es mangelt, hatten aber viele Jahre Erfahrung gesammelt beim Aufbau und Betrieb von Hilfsprojekten. Und wussten, sie sind nicht allein. Weil wir wussten, wir sind nicht allein: wir haben hier Menschen, die uns unterstützen in unseren Bemühungen, den Menschen dort zu helfen! Dieses Wissen um Rückhalt hat uns stets geholfen und hilft uns immer noch, scheinbar aussichtslose Situationen zu meistern, das Licht am Horizont zu sehen und uns den anstehenden Aufgaben mit allen zur Verfügung stehenden Kräften entgegen zu treten. Das Wort „Danke“ ist dafür nicht genug!

Also begannen wir – neben vielen anderen Projekten – auch hier die Bedarfe zu ermitteln und erkannten die Not nach Nahrung, die schon damals für die vielen Neuankömmlinge mit das Wichtigste war: denn neben der Armut, die verhinderte das sich die Lagerbewohner ausreichend mit Essen versorgen konnten, fehlte es schlichtweg vielen an Kochgelegenheiten. Kaum jemand hatte einen Ofen oder eine Kochstelle zur Verfügung! Ganz zu schweigen von Kochgeschirr oder ausreichend Brennmaterial.

Anfang 2017 bauten wir also erst einige, später dann insgesamt zehn Garküchen auf. Reanimierten eine stillgelegte Bäckerei. Und bringen seither fertig gekochte, in Mehrweggeschirr portionierte warme Mahlzeiten inkl. Brot in die entlegensten Winkel Nordwestsyriens, dorthin wo niemand sonst Hilfe hinbringt (wobei sowieso kaum internationale Hilfe sichtbar ist in dieser fast vergessenen Region! Gemäß offiziellen Angaben sind wir aktuell sogar nur eine von zwei Organisationen, die überhaupt warme Mahlzeiten in diesen Lagern verteilt). Vor Corona durch Sammelausgabe an zentralen Stellen des Lagers, seit Corona durch einen viel intensiveren Bringdienst bis an die „Tür“ der Zelte und Behausungen. Und haben so seither über 1.000.000 Menschen eine warme Mahlzeit von uns erhalten.

Auch diese Zahl ist unvorstellbar. Aber sie macht uns weit glücklicher als die oben genannten Zahlen!

Unterbringung innersyrischer Flüchtlingsfamilien in Damaskus (seit 2012)

Die innersyrisch geflüchteten Familien, die ab etwa 2012 von einem Tag auf den anderen plötzlich auf der Straße saßen, brauchten nicht nur etwas zu essen, sie brauchten auch ein Dach über dem Kopf. Denn sie hatten alles verloren, kamen aus einer ganz anderen Stadt wie Homs oder fremden Vierteln und waren völlig orientierungslos. Saßen auf der Straße und warteten auf ihr Schicksal.

Also haben wir zunächst versucht, die Familien in öffentlichen Einrichtungen wie in der Moschee oder der Schule unterzubringen und brachten sie privat unter. Das war die Lösung für die ersten Tage. Dann haben wir angefangen, Wohnungen zu mieten; anfänglich waren es bis zu 30 Menschen die in einer Wohnung untergebracht waren! Viel, ja, aber sie hatten ein Dach über dem Kopf!

Etwa Mitte des Jahres 2012 hatten wir dann stolze 30 Wohnungen angemietet, Ende des Jahres sogar über 60. Im April 2014 waren es exakt 103 Familien, später in diesem Jahr schon fast 150, dann 2015 sogar annähernd 200. Aktuell (Dezember 2020) sind es genau 173 Familien, denen wir uns annehmen, für die wir uns verantwortlich fühlen, für und um die wir uns sorgen – oftmals Witwen mit ihren Kindern und Großeltern, alleinstehende Alte oder bunt zusammen gewürfelte „Mehrgenerationen-Wohngemeinschaften“.

Bald waren keine Wohnungen mehr frei und wir begannen, unfertige Wohnungen anzumieten, was immer mit sehr viel Arbeit verbunden war, denn sie waren nicht nur unfertig (oft ohne Fenster, Strom und Wasser) sondern auch ohne jede Wohnungseinrichtung! Immer fanden wir einen Weg und freuten uns jedes Mal, wenn wir wieder einer Familie eine Unterkunft besorgt hatten. In all den Sorgen, all den Mühen gab es immer auch unvergessliche Momente; so beispielsweise, wenn wir eine passende Wohnung fanden, sie mieten wollten und der Vermieter sich erkundigte, für wen die Wohnung sei. Dann erfuhr, dass sie für Binnenflüchtlinge ist und antwortete: „Ihr braucht keine Miete zu zahlen, sie können erst einmal so bleiben!“.

Das kann sich heute keiner der Vermieter mehr leisten, schon 2015 fingen die Mieten an, langsam zu steigen – letztlich sind alle von der Situation betroffen! Und doch können wir es nicht riskieren, aufzuhören, denn es hätte zwangsläufig zur Folge, dass diese Familien wieder auf der Straße landen würden. Die Unterbringung von innersyrischen Flüchtlingsfamilien ist wie die Verteilung von Lebensmittelpaketen eines unserer Projekte „der ersten Stunde“ und hat seit 2012 ohne Unterbrechung Bestand!

Schule in Beirut – Bildung für syrische Flüchtlingskinder von der Vorschule bis zur 9. Klasse

Durch die Arbeit in der Schneiderei und die Herstellung von Schuluniformen und Jacken für eine Schule, in der syrische Flüchtlingskinder unterrichtet wurde, kamen wir immer enger mit dieser Schule in Kontakt. Und schließlich zu unserem ersten und einzigen Projekt, das wir nicht selbst aufgebaut hatten und in dem wir „nur“ Partner sind – aber tragender Partner!

Schon 2013 hatte eine in den Libanon geflüchtete syrische Lehrerin mit hohem persönlichem Einsatz und sehr großem Herz die Idee, syrischen Kindern Bildung zu vermitteln. Sie suchte und fand Finanzierung in der Verwandtschaft, bei Freunden und einigen Großspendern und stand schon 2014 einer Schule für etwa 250 syrischen Schülerinnen und Schülern vor! Der Bedarf aber und ihr Potential war größer als das und so bat sie uns ihr in ihren Bemühungen zu helfen. Nach eingehender Prüfung und intensiven Projektbesuchen entschlossen wir uns Ende 2016 sie zu unterstützen und haben das seither weder bereut noch unterbrochen. So gelang es, schon bald die Schülerschaft nahezu zu verdoppeln und in zwei Gebäuden Unterricht von der Vorschule bis zur neunten Klasse anzubieten.

Das Schuljahr 2018 / 2019 ist ein gutes Beispiel um zu verdeutlichen was das bedeutet: in insgesamt 19 Klassen wurden Kinder in zwei Vorschulstufen und neun Klassenstufen (1. bis 9.) unterrichtet, die Klassengröße war dabei meist über 30 Schülerinnen und Schüler. 25 Lehrerinnen und Lehrer und 6 administrative Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sorgten das ganze Schuljahr über für einen reibungslosen Ablauf. Zusätzlich wurde im Sommer ein Sommercamp für unterschiedliche Klassenstufen durchgeführt an dem etwa 100 Kinder teilgenommen haben, ebenso Ausflüge und Kurse angeboten.

„Nebenher“ wurden ein Chemielabor, eine Bibliothek und ein Computerraum eingerichtet, 10 Toiletten gebaut, ein Empfangsraum hergerichtet und für die Verwaltung Drucker und Computer beschafft. Außerdem, als emotionaler Höhepunkt, unterschiedlichste Geräte angeschafft um einen Spielplatz einzurichten.

Im darauffolgenden Schuljahr konnten wir die Anzahl der Schülerinnen und Schüler sogar auf 571 erhöhen und kämpfen doch seither mit den Auswirkungen der Explosion im Beiruter Hafen und den Corona-Bestimmungen. Digitalunterricht findet kaum statt, es fehlt vor allem an Endgeräten um überhaupt digitalen Unterricht vermitteln zu können. Wir finden viele alternativen Möglichkeiten, die wirtschaftliche Situation führt jedoch leider verstärkt dazu, dass Eltern ihre Kinder vom Unterricht abmelden. Sie werden gebraucht, um zu arbeiten. Um der Familie beim Überleben zu helfen. Dagegen kämpfen wir nach Kräften an, doch zu oft gehen uns leider angesichts grassierender Armut die Argumente aus…

Mikrokredite – Hilfe zur Selbsthilfe

Viele der hier beschriebenen Projekte sind seit vielen Jahren Fundamente unserer Arbeit. Dieses Projekt hingegen ist kein Fundament; eher ein kleines Zimmer mit Fenster in einem der oberen Geschosse – und auch wenn dieses Zimmer etwas abseits liegt und selten belegt ist, so ist sein Wert keineswegs gering.

Denn natürlich ist Hilfe zur Selbsthilfe ein ganz wesentlicher Ansatz unserer Arbeit, in Zeiten grassierender Arbeitslosigkeit, Armut, Obdachlosigkeit aufgrund vielfacher Flucht jedoch ist das leichter gesagt als getan. Wir versuchen dennoch seit Anbeginn Nothilfe, humanitäre Hilfe, Bildungsarbeit und Entwicklungshilfe zu vereinbaren; ein kleines Beispiel ist die Gewährung von Mikrokrediten:

Innerhalb der von uns betreuten Familien gibt es immer wieder Frauen, junge Erwachsene oder Kriegsversehrte, die mit Ideen auf uns zukommen um ein eigenes Einkommen zu erzielen. Hierzulande würde man das schmissig „Start-Up“ nennen. Und das ist es auch: wir helfen ihnen zu starten, aufzustehen und auf eigenen Beinen voran zu kommen. Manchmal sind diese Mikrokredite tatsächlich Geldbeträge, die ausgehändigt werden um bspw. Anschaffungen für den Beginn zu finanzieren. Wir begleiten dabei und versuchen zu helfen, auch mit Rat und Tat. Diese Möglichkeit realisieren wir bis heute, meist gelingen diese „Start-Ups“ und ermöglichen den „Gründern“ ein besseres, selbstbestimmteres Leben.

Vor allem 2013 und 2014 hatten wir auch noch eine andere Möglichkeit gefunden, die dann ein „Weiterfliehen“ der Protagonisten zum Erliegen kam: wir haben einigen Familien dabei geholfen, kleine Straßenstände einzurichten. Vor allem ging es dabei um Hygieneartikel und Dinge des täglichen Bedarfs. Wir kauften dabei die Waren in großen Mengen ein (erhielten dadurch Rabatte) und gaben die Waren zu diesem Preis an die Verkaufsstände. Diese verkauften sie zum normalen Preis, die Differenz war ihr Gewinn – keiner wurde dabei „übers Ohren gehauen“, auch nicht die Käufer. Und allen war geholfen!

Anbau und Verteilung von Gemüse, Kräutern und Pflanzkisten – Hilfe zur Selbsthilfe

Auch dieses Projekt folgt einem unserer Grundsätze: den Menschen in Not die Möglichkeit der Selbstversorgung zu geben, Autarkie zu ermöglichen, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Und irgendwie ist es bei solchen Projekten dann immer so, dass sie auch nach innen wirken. Wir alle, auch alle Helferinnen und Helfern profitieren auch von der gelungenen Umsetzung, denn wir sehen, was wir bewirken können, wenn wir gemeinsam eine Sache angehen, schöpfen daraus neue Freude und Zielsetzungen und zehren noch lange von den Erinnerungen an all die Folgen unserer Arbeit.

Diese Projekte sind oft kräftezehrend. Im Rückblick aber immer Kräfte-Spender!

Diese von uns nur „Pflanzen-Projekt“ genannte Hilfe zur Selbsthilfe sollte ebenfalls den Mangel an Lebensmitteln beseitigen und zugleich die Gefahren bei der Beschaffung des „täglichen Brots“ reduzieren. Es war im Frühjahr 2014, als wir damit begannen, aus Samen und Setzlingen Gemüsepflanzen, Obststräucher und Kräuter zu ziehen. Ziel war es, zum einen diese Pflanzen zu verkaufen und das Projekt zumindest teilweise finanziell zu tragen, vor allem aber und vorrangig ging es darum, den Menschen die Möglichkeit zu geben, frisches, vitaminreiches Obst und Gemüse zu erhalten um der Mangelernährung entgegen zu treten. Dazu schufen wir Arbeitsplätze, ein nicht zu unterschätzender Wert angesichts grassierender Erwerbslosigkeit mit allen bekannten Folgen!

Mit schwerem Gerät wurde damals Erde gesiebt, mit Dünger und Humus versetzt und in Pflanzkisten gefüllt. Im Anschluss pflanzten wir darin Setzlinge oder säten Samen aus, wässerten und pflegten die Pflanzen bis zu einer gewissen Größe und brachten diese Pflanzkisten dann zu den Familien, immer ein Sortiment unterschiedlicher Kräuter und Gemüsesorten. Die Familien, die Gärten hatten, bekamen direkt die Setzlinge und Sämereien. All das wiederholten wir im Jahreszyklus. Sämtliche Empfänger wurden währenddessen immer wieder betreut, bei Bedarf im Umgang mit den Pflanzen geschult und beraten. Schlussendlich konnten wir so mehr als 40.000 Pflanzkisten verteilen!

Gegen Ende des Projektes im Jahr 2016 hatten wir sogar an mehreren Stellen eigene Gärten angelegt um Bedürftigen die Möglichkeit zu geben, sich an den Früchten dieser Gärten zu bedienen. Sie kamen so, als ob sie auf einen Markt gingen. Wurden bei der Auswahl begleitet und beraten, es wurden Kochrezepte ausgetauscht. „Hamsterkäufe“ waren selbstverständlich verpönt, denn jeder Einzelne achtete zurückhaltend darauf, dass möglichst viele von den Erträgen dieser Pflanzen profitieren konnte.

Bei diesen Projekten kommt es zu vielfältigen Begegnungen und Erlebnissen, dieses ist uns unvergessen: Es muss im Jahr 2015 gewesen sein, als einer unserer Helfer wieder einmal seine Tour machte um die zu besuchen, die Pflanzen erhalten hatten. Dabei wollte er auch Fotos machen für unsere interne Dokumentation und fragte natürlich vorher die neuen Eigentümer der Pflanzen um Erlaubnis. Einer von ihnen, ein alter Mann, fragte ihn nach dem Grund der Fotos und unser Helfer berichtete von unserer Arbeit und sagte zu ihm: „Um zu zeigen, dass Syrien noch lebt“.

Der alte Mann schwieg kurz und bat ihn Folgendes auszurichten: „Sag ihnen, dass dies Fotos aus Syrien sind. Syrien wird auf keinen Fall sterben! Syrien hat so viele schwere Zeiten erlebt in seiner Geschichte, lebt immer noch und wird immer weiterleben!“. Unser Helfer bedankte sich und antwortete: „Danke, Du hast mir Hoffnung gegeben.“ Da lachte der alte Mann und erwiderte: „Wir geben Hoffnung, Ihr schenkt uns Leben.“

Lernzentrum für syrische Kinder in Bursa / Türkei

Dieses Projekt könnte viele Namen haben, der gewählte ist jedoch der, der unsere heutige Tätigkeit am besten umschreibt: Anfang 2014 waren wir entschlossen, ein Projekt für syrische Flüchtlinge aufzubauen, die in Istanbul gestrandet waren. Damals waren es offiziell circa 650.000 Syrerinnen und Syrer, die in der Türkei Zuflucht gefunden hatten, sicher ein Drittel von ihnen in Istanbul. 

Die ursprüngliche Idee einer Begegnungsstätte mit Lern- und Rückzugsräumen für Kinder, Werkstätten und psychotherapeutischer Arbeit wich im Laufe der Zeit einer punktuellen Unterstützung geflüchteter Familien mit Dingen des täglichen Bedarfs und Hilfestellungen und Beratung bei alltäglichen Problemen. In Istanbul Fuß zu fassen war schwer, internationale Organisationen taten sich schwer ihre Hände auszustrecken, ein eigenes Netzwerk mussten wir uns erst mühsam aufbauen. Nach und nach aber wurzelten wir, erhielten im Sommer Besuch von Willi Weitzel (der „Willi wills wissen“ – Willi), durften in 2014 (in Istanbul) und noch einmal 2016 (da schon in Bursa) für einige Mitglieder der deutschen „Clowns ohne Grenzen“ eine „Lachreise“ für Geflüchtete organisieren und entschlossen uns irgendwann, über das Marmarameer nach Bursa umzusiedeln. In Istanbul selbst gelang es uns später ein weiteres Projekt aufbauen, das aber ist eine andere Geschichte.

In Bursa hatten wir günstig Räumlichkeiten anmieten können, bauten diese nach und nach um und verwandelten mit ihnen auch das Projekt. Von einer anfänglichen Begegnungsstätte mit vielfältigen Angeboten für syrische Flüchtlinge von jung bis alt spaltete sich ein eigenes Projekt ab (von dem wir später berichten werden) und es entstand ein Lern- und Nachhilfezentrum für syrische Kinder inkl. einer eigenen Fußballmannschaft! Betreut wird es von einem Lehrer aus Homs, mit dem wir schon in Syrien lange Jahre zusammengearbeitet hatten und von seiner Frau, die auch als Trauma-Therapeutin arbeitet. Sie legen großen Wert auf spielerisch vermittelte Umgangsformen und achten stets auf Integration und geben den Kindern so auch Halt in einer für sie neuen Gesellschaft. Gleichzeitig lehren sie neben allen anderen an das türkische Schulprogramm angelehnten Lernangeboten und vielfältigen Spiel- und Bastelangeboten auch die arabische Sprache, wozu auch Kinder zugelassen sind die nicht permanent im Zentrum lernen. Hier erfahren sie einen großen Zulauf, denn die geflüchteten Eltern machen sich natürlich Gedanken über die Sprache ihrer Kinder und haben Angst, dass sie mit einer Integration in die türkische Gesellschaft und dem damit einhergehenden schleichenden Verlust der Muttersprache auch die Bindung zu Syrien verlieren.

Die Aktualität und Wichtigkeit dieses 2014 begonnenen Projektes ist ungebrochen – mittlerweile leben in der Türkei nach offiziellen Angaben über 3.6 Millionen syrische Flüchtlinge!

Ausbildungszentrum für männliche Jugendliche und junge Männer in Beirut / Libanon

Die Erfahrungen, die wir in unserem Zentrum für syrische Flüchtlingsfrauen gemacht haben, wollten wir schon lange auch umwandeln in ein ähnliches Zentrum, eines für junge Heranwachsende und junge Männer. Die Zusammenarbeit mit der Schule erhöhte den inneren Druck, denn die Absolventen dieser Schule suchten natürlich auch Arbeit und Fortbildung, doch fanden kaum welche.

2018 dann fassten wir Mut und gründeten ein neues Ausbildungs- und Entwicklungszentrum für diese Zielgruppe. Wir mieteten einen Rohbau, der quasi nur ein Gerippe aus Stützen und Decken und deshalb sehr günstig zu mieten war, bauten ein Geschoss komplett aus, schufen Räume und schafften Unterrichts- sowie Übungsmaterial und Werkzeuge und Werkbänke an. Und haben seither unterschiedliche Grundtechniken im Bereich Elektrotechnik, Computerwartung, Wartung und Reparatur von Mobiltelefonen, Schreinern, Friseurhandwerk mit Gruppen junger Männer geübt und gelehrt. Haben Kurse in Englisch, für Analphabeten, Robotik und Computer bis hin zu Schachspiel gegeben. Und sogar ein Sommer-Camp durchgeführt!

Heute haben wir schon einige der Absolventen erfolgreich in den Arbeitsmarkt entlassen können, wir bauen das Zentrum weiter aus und lernen täglich hinzu. Seit der Explosion des Beiruter Hafens helfen Auszubildende und Ausbilder dieses Zentrum zudem ununterbrochen bei Reparaturen und beim Wiederaufbau von Wohnungen und Geschäften, bringen sich ein wo sie nur können.

Bibliothek und Begegnungsstätte für syrische Flüchtlinge in Bursa / Türkei

Von unserem ersten Projekt in der Türkei spaltete sich im Frühjahr 2017 ein weiteres Projekt ab. Während sich das eine Projekt nun vor allem um die Kinder kümmerte, so entstand hier ein eher kulturell geprägte Begegnungsstätte für Erwachsene (nicht ohne auch an die Kinder zu denken, doch dazu später).

Angefangen hat es mit der Lust am Lesen arabischer Bücher und mit dem Bedürfnis, syrische Gemeinsamkeiten zu pflegen und bewahren. So entstand eine Leihbibliothek mit anfänglich 220 Büchern, die dank Buchspenden rasch wuchs und nun annähernd 2.000 Bücher fasst. Diese Bibliothek hat in der Folge dazu geführt, dass sich Schriftsteller und angehende Schriftsteller zu Lese- und Diskussionsabenden trafen, dabei gemeinsam eigene, zeitgenössische oder große Schriften lasen und sezierten. Heute nutzen mehr als 800 Menschen diese Bibliothek, die meisten nur zur Ausleihe, viele aber schätzen den Ort auch als Treffpunkt!

Da unter den Bibliotheksnutzern auch eine Vielzahl an Studentinnen und Studenten sind, die ihre Bedürfnisse und Probleme schilderten, beschlossen wir, sie zu unterstützen und legten Türkisch-Kurse, Englisch-Kurse und mehrere Vorbereitungskurse für den Lehrplan der türkischen Universitäten auf. Mit Hilfe dieser Studenten dann konnten wir Schülerinnen und Schülern Nachhilfeunterricht vermitteln, es bildete sich auch eine Freiwilligen-Gruppe für Übersetzungen. Speziell für Frauen gründeten wir zuerst einfache Treffen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, sich auszutauschen und identische Probleme möglicherweise gemeinsam lösen zu können. Vielfach sind daraus individuelle Beratungen entstanden, die wir versuchen mit ausgebildeten Sozialpädagogen zu unterstützen. Auch haben wir speziell für Kinder mit ADHS und Autismus eine spezielle Gruppe eingerichtet, die sich mit eigenen Arbeitsmaterialien an die Bedürfnisse der Kinder (und der Eltern) richtet.

In Projekten wie diesen geht es nicht um Nahrung für den Körper, vielmehr um Nahrung für Geist und Seele – und um das Wissen, eine Anlaufstelle zu haben wenn es dunkel um einen wird.

Unterstützung von Waisenkindern in Damaskus

Es fing früh an, sicher schon 2012: jeden Tag wurden in den Waisenhäusern Kinder „abgegeben“, wenige Tage alte Säuglinge, Babys, kleine Kinder und fast schon Jugendliche – sie kamen aus allen Orten und waren plötzlich auf sich allein gestellt. Teils gingen sie auf der Flucht verloren, teils sind ihre Eltern verschollen, teils haben sie erlebt wie ihre Eltern ums Leben gekommen sind. Die Kinderheime und Waisenhäuser waren sehr bald übervoll mit solchen Kindern, die schlimme Erlebnisse zu verarbeiten hatten. Daraus folgte, dass sich kaum noch jemand richtig um diese Kinder kümmerte, es waren einfach zu viele!

Also fingen wir an, sie mit Kleidung zu versorgen, auch mit Schuhen, ihnen zu helfen bei medizinischen Problemen, im Winter Jacken, für den Sommer schöne Kleider für die Mädchen und schöne Hosen für die Jungs. Auch haben wir ihnen Schulmaterialen beschafft und die Kosten für Schuluniformen (in Syrien obligatorisch) übernommen, so konnten sie weiter in die Schule gehen. Auch Malsachen und Bastelmaterial, T-Shirts, Jeans, Strampler und Bodies, Windeln uvm. haben wir in die Waisenhäuser gebracht.

Für ein ganzes Jahr lang (September 2014 bis August 2015) konnten wir sogar für etwa 100 Waisenkinder eine Art Patenschaft übernehmen, sie monatlich finanziell unterstützen und mit allem Nötigen versorgen was innerhalb dieses Jahres eben nötig war. Dazu hatten wir penibel Listen angefertigt und Bedarfe ermittelt, eigene Betreuer kümmerten sich intensiv um die Kinder und halfen ihnen dabei, einen neuen Weg zu finden im Leben.

Heute ist dieses Projekt aufgrund von Zerstörung und Fluchtbewegungen Vergangenheit, aber es hat bei den Kindern wie bei unseren Helferinnen und Helfern Spuren hinterlassen. Und wir sind sehr froh, dass wir diese Hilfe leisten durften.